Bald ist Schluss mit dieser Legende. Wenn das Tantris Ende 2020 die Pforten schließt, wird es fast 50 Jahre alt geworden sein. Wir wollten schnell noch hin in dieses Sternerestaurant, dessen Name so gar nicht auf hohe deutsche Kochkunst schließen lässt. Dass es teuer würde, war uns klar. Ob es ebenso gut würde, war unsere große Frage.

1971 eröffnete Fritz Eichbauer das Restaurant in München. Der Legende nach war es es satt, immer nach Frankreich fahren zu müssen, wenn er gut essen gehen wollte. 

Der Plan ging auf. Küchenchef Eckart Witzigmann erkochte dem Tantris binnen weniger Jahre zwei Sterne, bevor er sein eigenes Restaurant eröffnete. Heinz Winkler übernahm die Küche und erkochte einen dritten Stern. Dann zog auch er weiter, um sein eigenes Restaurant zu eröffnen. 

Seit 1991 holt Hans Haas als Küchenchef im Tantris Jahr für Jahr 2 Sterne und wird das wohl tun, bis er Ende 2020 ganz unspektakulär in Rente geht. Und der inzwischen über 90-jährige Fritz Eichbauer schmaust angeblich noch immer regelmäßig in seinem Restaurant. 

So viel Beständigkeit klingt nach traditioneller Haute Cuisine in traditionellem Ambiente. Wird es so sein?

Sind Sneaker und Hoodie gut genug? 

Im Hotelzimmer gegen 18 Uhr: Wir werfen uns in Schale. Für den 12-jährigen Junior habe ich ein T-Shirt und Hoodie in dunkelblau, und – ach ja, Schuhe…leider nur seine neuen knallbaluen Sneaker. Kurzer Familienrat: Sind Sneaker das Problem oder der Hoodie, und ein Hemd ist zwar für Junior nicht nötig, aber wäre ein Poloshirt nicht besser wäre als das T-Shirt? Hinfällig ist die Diskussion, wir müssen los. Um 18:30 steht unser Tisch bereit. 

Auf ins Tantris. Das Ambiente: Außen 1970er-Jahre-Beton. Innen erwartet uns ein Asiatempel in schwarz-orange. Geflügelte Fabelwesen schmücken die Tische. Es liegt ein großes lautloses “Om” in der Luft. Was für eine schöne Überraschung! Dabei hätten wir es uns denken können. Denn Tantra steht für Praktiken im Hinduismus und Buddhismus, die uns auf der Suche nach Vollkommenheit voranbringen sollen. Die richtige Ernährung gehört bekanntlich dazu. 

Beim Eintreten werden wir freundlichst begrüßt von Damen, die Blumenkleider elegant mit schwarz-roten Sneaker kombinieren. Wir fühlen uns spießig. Und das im Sternerestaurant. 

Herrlich ist dieses Ambiente aus einer Zeit, in der extravagant und exaltiert zum guten Ton gehörten. Eine Filmkulisse. 

Der Gast in Schlangenlederboots und Dali-Bärtchen fällt nicht aus dem Rahmen, sondern fügt sich gut ins Ambiente. Die Herrschaften in Krawatte und Perlenschmuck sind in der Unterzahl, aber nicht fehl am Platz. So vielfältig kann gediegen sein. 

Vollkommenheit kommt einfach daher

Das Essen: unaufdringlich durchkomponiert. Fast einfach, aber nur fast. Die Geschmäcker treten klar hervor. Meerrettich. Dann Lachs und Zitrone. Paprika und Fisch in der Bouillabaisse. Reh und was ihm schmeichelt. Ziegenkäse von cremig bis fest, mit der Textur ändert sich der Geschmack. Das Dessert ist auch lecker. Und oh, der Wein! Der Gewürztraminer geht perfekt mit der Ziege, ich möchte das Glas aussaugen. 

Der Abend im Tantris hat uns auf unserer Suche nach Vollkommenheit beim Essen ein Stück vorangebracht. Wobei: Streben wir beim Essen nach Vollkommenheit oder nach immer wieder neuen Überraschungen? – Egal, denn beides hat das Tantris uns erfüllt: Wir wurden herrlich überrascht von einer Crew, die uns aufnahm als gehörten wir schon immer dazu. Und wir haben Perfektion in Einfachheit erlebt. Ich schmecke es noch immer auf der Zunge.

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