Essen in Japan ist für Manche ein Grund, nicht hinzufahren. Für uns war es eines der Highlights zu sehen, welchen Stellenwert Essen im japanischen Leben hat. Nach unseren zwei Wochen in Tokyo und Kyoto wurden wir oft gefragt, wie wir das Essen in Japan fanden. Hier paar Antworten:

Kunstvoll

Wenn das Auge wirklich mit äße, könnte man sich am japanischen Essen satt sehen. Herrlich ist es anzuschauen. Törtchen so minutiös verziert, als hätte der Chef von Lenôtre persönlich Hand angelegt. Ein Hähnchenschenkel dekoriert mit Rosen aus handgeschnitztem Gemüse. Einem Häufchen Bratreis setzt ein knallgrünes Minzblatt die Krone auf. Und nie liegen die Speisen auf einem Teller zufällig herum, sondern immer wohl arrangiert.

Eine ernste Angelegenheit

Essen kochen kann nicht jeder, schon gar nicht in Japan. Wichtig scheinen unter anderem eine ernste Miene und schweigsame Konzentration. Selbst in einem Okonomiyaki-Restaurant, wo der Chef in offener Küche unter den Augen der Gäste herzhafte Pfannkuchen brät und das Essen meist nicht viel kostet. Andererseits: Ich habe in Japan auch außerhalb von Restaurantküchen selten jemanden laut lachen, kichern, rufen gehört oder wild gestikulieren gesehen. Vielleicht zeigt sich eine Landeskultur nirgends deutlicher als beim Essen.

Auch dieser Okonomiyaki genannte Pfannkuchen wurde mit würdevoller Konzentration gebraten

Vor allem frisch

Sushi ist frischester Fisch, nicht wahr? – Falsch geraten. Frischer als frisch ist Sashimi, das sind die großen rohen Fischbrocken, die pur oder mit Sojasoße und Wasabi verzehrt werden. Sushi soll ursprünglich eine Konservierungsmethode für rohen Fisch gewesen sein: In Tokyo aus dem Meer geholt, wurde der Fisch mit Essigreis umhüllt, um beim Transport nicht zu vergammeln. Immerhin liegen allein zwischen Tokyo und Kyoto gute 400 KM. Der pfeilschnelle Shinkanzen legt die Strecke heute in 90 Minuten zurück, aber Pferdekutschen ließen sich mehr Zeit. So rollten die Tokyoter Fischer Sushi für den Rest von Japan. Die besten Stücke aber behielten sie für sich und verspeisten sie als Sashimi.

Unser Sashimi thronte auf Eisbergen umringt von essbaren Blüten. Sah prächtig aus und schmeckte so leicht wie frischester Fisch nur schmecken kann.

Ganz schön teuer

Ja, Japanreisen sind teuer. Hoher Lebensstandard gleich hohe Preise. Die gute Nachricht: Da Essen allgegenwärtig ist und das Angebot hoch, gibt es für fast jedes Budget etwas. Und selbst die internationalen Burgerketten sollen in Japan besseres Essen über den Tresen bringen als andernorts. Vielleicht zeigen die hohen Preise ja nur, welchen Wert gutes Essen hat.

Das gegrillte Entrecôte vom Street Food Stand in Kyoto war sensationell. Der Preis von 50$ leider auch. Aber immer noch ein Schnäppchen im Vergleich zu den drei- bis vierstelligen Summen, die Kenner für Steaks der handgestreichelten Kobe Rinder ausgeben.

Allgegenwärtig

Selten habe ich so gut gegessen in Umgebungen, in denen ich zuhause bestenfalls Mittelmäßiges erwarte: Bahnhöfe, Shopping Malls, Kaufhäuser. In Tokyo liegt es angeblich daran, dass die Japaner lange arbeiten, weite Strecken pendeln und winzige Wohnungen haben. So dinieren sie lieber im Bahnhof mit Kollegen – schnell, aber bitte in bester Qualität. Und die Frauen bevölkern tagsüber die Shopping Malls, in denen sich Boutiquen an Cafés und Restaurants reihen, als seien es kleine Freizeitparks (ja, das moderne Tokyo lebt traditionelle Arbeitsteilung vor). Tipp eines lokalen Kollegen: Das Restaurant mit der längsten Schlange davor suchen, hinten anstellen und so geduldig auf einen Platz warten wie alle anderen – die Menge weiß, wo es das beste Essen gibt. Schwarmintelligenz.

Achtung, Plastik! Appetitlich und anschaulich ins Schaufenster drapiert, machen die Show-Speisen Touristen das Leben leicht – beim Bestellen einfach darauf zeigen. Shopping Zentren bieten sogar Crashkurse im Modellieren an für alle, die vor einem Plastik-Sushi als Souvenir nicht zurückschrecken.

Manchmal gewöhnungsbedürftig

Schnecken und Babyaal zum Dinner, Fisch-Salat und Tofusuppe zum Frühstück? Willkommen im Ryukan, dem traditionellen japanischen Gasthaus. Gegessen wird im Zimmer an kniehohen Tischen, geschlafen wird auf Matten, die nach dem Essen ausgerollt werden. Eine Angestellte kümmert sich persönlich um unser Wohlergehen, hilft uns in die Kimonos, serviert, kocht Tee und ist dabei so unaufdringlich wie ein Eremit. Das ausgedehnte Dinner liefert zahllose Geschmacksüberraschungen, zum Frühstück gibt’s Räucherfisch und halbfermentierten Tee. Danach sehnen wir uns nach einem Kaffee mit Croissant. Sind wir doch so europäisch?

Frühstück auf japanisch: Viele kleine Schälchen boten kunstvoll drapierte Speisen, deren Natur uns nicht immer klar war. Wir aßen tapfer, denn wir ahnten, dass Stehenlassen unhöflich wäre.

International

Kein Sorge: Wer sich von der japanischen Küche überfordert fühlt, hat Alternativen im Überfluss. Gerade ist die italienische Küche en Vogue und man sagt, die Japaner würden inzwischen bessere Pizza backen als der beste Italiener. Vorstellen kann ich es mir. Französische Küche muss zuvor en Vogue gewesen sein, denn keine Straße in Tokyo erlebten wir ohne Café, Bistro oder Croissant-Verkauf. Ich gestehe: Bei aller kulinarischer Abenteuerlust war ich froh, bisweilen vertrauten Geschmäckern zu begegnen.

Ein herrliches Millefeuille hatten wir in einem Café in Nara, umringt von älteren Damen, die uns neugierig beobachten. Zum Glück isst man auch in Japan Kuchen mit Gabeln.

Die Orte, an denen die Bilder entstanden sind, findet Ihr auf meiner Liste in Maps.