“Mein Name ist Maurizio und ich kümmere mich heute Abend um Sie.” Wir sind in der Hostaria Da Franz. Es ist 19 Uhr, früh für italienische Verhältnisse, und wir sind die ersten Gäste. Maurizio verspricht uns einen wunderbaren Abend.

Venedig im September 2021. Das Filmfestival startet auf dem Lido. Die Lagunenstadt ist voll. Nicht so voll wie früher, 2018, als wir zuletzt hier waren. Aber voll genug, dass sich zäher Stop-an-Go-Verkehr an der Rialto Brücke bildet und Menschenknäuel durch die Gassen schieben. 

Im Sommer 2020 war eine Freundin extra nach Venedig gereist, um die menschenleere Stadt zu erleben. Beeindruckend fand sie das und wunderschön. Leer ist Venedig ein Jahr später nicht mehr. Aber 90.000 Besucher am Tag sind es auch noch nicht wieder. Zum Glück für uns: Morgens um 9 Uhr ist der Markusplatz so leer wie früher nur nachts. 

Der Markusplatz morgens um 9: leer aber nicht ausgestorben

In Venedig lässt es sich immer gut essen

Die Asiaten sind nicht da, erklärt uns der Mann am Nachbartisch. Wir stehen vor einem unscheinbaren Kiosk und schlürfen unseren morgendlichen Café. Unser Tischnachbar ist Stammgast hier, aber in Berlin und Frankfurt war er auch schon, zur Fußball-WM 2006. Venedig sei immer schön, Touristenmengen hin oder her. Ein Cornetto sollen wir unbedingt nehmen, die seien hier grandios. Gesagt, getan – recht hat er. 

In den Gassen von Venedig reihen sich noch immer Restaurants an Trattorien und Cafés. Ausgestorben ist die Stadt nicht im Corona-Jahr 2021. Viele Restaurants haben überlebt. Nicht alle – einige Schaufenster sind leer und einige Osterien existieren nur noch auf Google Maps. Aber die Stadt ist nach wie vor ein Füllhorn guter Essplätze. Seafood in der Familien-Kneipe, Tiramisu am Platz bei der Accademia Brücke, Kaffee und Cornetto am Kiosk. 

Maurizio begrüßt zwei Gäste in perfektem Englisch. Die beiden Damen möchten draußen sitzen, aber der Platz vor der Hostaria sagt ihnen nicht zu. Auch der Innenhof hält ihren kritischen Blicken nicht stand. Einige Sekunden Bedenkzeit, und die Damen ziehen weiter. Maurizio sagt freundlich „Thank you and goodbye“. Er seufzt. Früher haben die Leute Schlange gestanden, um in der Hostaria Da Franz einen Tisch zu bekommen. Schon seine Mama hat das Restaurant geführt, auf stolze Zeiten blicken sie zurück. Das letzte Jahr seit gerade so ok gewesen, mit einem blauen Auge sei man durchgekommen. Dieses Jahr muss besser werden. Bis jetzt, im September, sieht es ok aus. 

Wenig Platz vor der Hostaria Da Franz: Wenn ein Tisch im Freien wichtiger ist als gutes Essen, hat das Traditionsrestaurant das Nachsehen

Venedig wäre uns eine Reise wert allein wegen der Restaurants. Aber wir sind hier für die Biennale. Eigentlich wäre in diesem Jahr die Kunstbiennale dran. Aber da die Architekturbiennale im letzten Jahr ausgefallen ist – wegen Corona – ist in diesem Jahr Architektur dran. Alles um ein Jahr verschoben. 

Die Biennale findet statt – anders als geplant

Das Motto der Architekturbiennale ist aktueller als geplant: How we we live together? Ursprünglich ersonnen vor Corona, mit dem Anspruch, Antworten auf die globalen Fragen unserer Zeit zu finden. Politik, Klimawandel etc. Herausgekommen ist eine Biennale, die mehr über das Leben in Corona-Zeiten sagt als über das eigentliche Thema. 

Wir besuchen erst die Giardini und ihre Länderpavillons. Wie immer. Dieses Mal ist der Besuch enttäuschend. Viele Pavillons sind geschlossen, weil die Teams aus den Ländern nicht anreisen konnten. Oder sie haben geöffnet, aber bieten nur einen kleinen Teil dessen, was sie zeigen wollten. Südkorea wollte Kochen und Essen anbieten – geht nicht. Deutschland wollte alles mögliche zeigen – geht nicht, zumindest nicht live vor Ort. Stattdessen kann man QR-Codes scannen, um Filme auf dem Handy zu schauen. Wir verzichten darauf und ziehen weiter. Im dänischen Pavillon schnuppern wir an der Kräuterausstellung und kochen uns einen frischen Minztee – ziemlich hygge, das Ganze. Nach drei Stunden sind wir durch die Giardini durch und froh, das Gelände zu verlassen. Endlich Masken absetzen. 

Ausgang der Giardini: Wenige Besucher auf dem Gelände

Tag zwei der Ausstellung verbringen wir auf dem Arsenale Gelände, in den dunklen Hallen der ehemaligen Militärwerft. Begrüßt werden wir von Kunstfiguren, die Robotik und Menschsein verbinden. Es folgen Exponate, die mal das Zusammenleben zum Thema haben, mal Politisches und mal den globalen Klimawandel. Erlebnis und Sinnstiftendes stehen nebeneinander. Ich lerne, dass in Dubai erforscht wird, wie sich Zement nachhaltig aus Salz gewinnen lässt. Lerne Zürich als Mekka genossenschaftlichen Bauens kennen. Schlendere durch die Hallen und denke so wenig über Corona nach wie lange nicht mehr. Auf den zweiten Blick gefällt mir die Biennale. 

Wie ein Freizeitpark ohne Eintritt

Auf dem Lido lockt das Filmfestival. Normalerweise ein Garant für Menschenmassen, drängelnde Schaulustige und überfüllte Pendelbusse. Jetzt ist der Bus angenehm leer, die Szenerie am Lido überschaubar und nach wenigen Minuten stehen wir auf dem Gelände. Die Stars und Promis ziehen fast vor unseren Nasen vorbei, wir stehen in lustigem Abstand herum. Penelope Cruz ist angekündigt, aber wir verlieren die Lust am Warten und ziehen weiter. Später sehen wir auf Insta, dass wir sie um wenige Minuten verpasst haben. Pech – wir trösten uns mit einer Bootstour in die Nacht und der Aussicht auf ein weiteres Restauranterlebnis. 

Blick auf die Lagune: Abends ist die Rückfahrt vom Lido besonders schön

Venedig lebt. Wie Disney ohne Micky Maus, und wie eine Titanic, die am Eisberg vorbei schrammt. Zerbrechlich. Von mir aus können sie Eintritt für Venedig verlangen – ich habe schon Schlechteres für mein Geld bekommen. Kultur, Essen, Flanieren und der beruhigende Blick auf Wasser. 

Maurizio begrüßt neue Gäste. In perfektem Spanisch erklärt er ihnen das Menü. Wie viele Sprachen er noch beherrscht, frage ich ihn. Er lacht: Das ist Venedig hier! Weltoffen und gastfreundlich. So begrüßt Maurizio die Welt, genauso wie früher seine Mama. Das Leben geht weiter. 

Das hat mir beim Venedig-Besuch 2021 besonders gefallen:

© Fotos: Hilge Kohler