Im Skigebiet, ohne Ski zu fahren: Macht das Spaß? Wir fahren nach Flims Laax Falera, in ein weitläufiges Skigebiet in Graubünden. Was werde ich tun, wenn ich nicht Ski fahre? 

Ich nehme mir vor zu wandern, ohne das Skifahren zu missen. Ein Selbstversuch in fünf Etappen.

Die Kirche La Muotta thront auf einem Hügel über Falera. Vor 3500 Jahren wohnten auf diesem Hügel Menschen. Ob sie auch den fantastischen Ausblick ins Rheintal genossen haben?

Tag eins: Von Falera nach Laax

Mit dem Ski Shuttle fahre ich nach Falera. Ein friedliches Bergdorf. Auf einem Hügel über dem Dorf thront die Kirche La Muotta. Auf diesem Hügel wohnten schon vor 3500 Jahren Leute, in der Bronzezeit sollen dort bis zu 120 Menschen gewohnt haben. Ich umkreise den Hügel und staune über die Aussicht.

Weiter durch den Ort und zur Sternwarte. Die Sternwarte ist von außen etwas unspektakulär, wie eine Lagerhalle direkt neben dem Ski Kindergarten. Vorbei an ihr gehe ich den Berg hinauf und lasse Skifahrer hinter mir. Steil geht’s über den Schnee und durch ein Wäldchen. Oben stoße ich auf die Rodelbahn. Ein Stück gehe ich sie entlang, dann und wann preschen Rodelfahrer an mir vorbei. Ich kreuze die Piste und laufe hinunter ins Dorf.

Kurzer Stop im lokalen Supermarkt, Banane Apfel und Co. gekauft und die nächste Sitzbank aufgesucht. Mittag in der Sonne. Traumhaft.

Weiter nach Laax über den Laternenpfad. Aussicht ins Tal, im Hintergrund die Rheinschlucht. Bei Laax quere ich unter dem Baumwipfelpfad. Den hat die Gemeinde vor einigen Jahren angelegt, unter Protest von Naturschützern, die meinten, man solle doch den Vögeln in den Baumwipfeln ihre Ruhe gönnen. Ich denke: Ja, da ist etwas dran. Die 10 bis 20 Meter weiter unten, die ich auf dem Weg gehe, sehe ich auch so genug von den Bäumen. Also verzichte ich auf den Baumwipfelpfad und gehe direkt hinunter nach Laax. Der Laaxer See zugefroren und mit Schnee bedeckt. Ein Wellness Hostel mit Pool und direktem Blick auf den See lässt mich staunen.

Im Ort begrüßt mich sonnige Beschaulichkeit. Bald kommt der Postbus, der mich zurück nach Flims bringt.

Der Laaxer See liegt zugefroren und schneebedeckt mitten im Ort

Strecke: knapp 10 km, knapp 3 Stunden gegangen. Dazu Pausen. Um zehn Uhr morgens aufgebrochen, um drei Uhr nachmittags zurück im Apartment.

https://www.komoot.de/tour/687878741?ref=wtd

Tag zwei: Zum autofreien Bargis

Der Postbus bringt mich für fünf Franken mit Gästekarte hoch hinaus. Vorbei am Ort Fidaz zum Bergdorf Bargis. Ein Langlaufparadies, nur zu Fuß oder mit dem Postbus zu erreichen. Ein Hochtal, von felsigen Bergen umringt. Neben den Loipen sind Wanderwege angelegt, manchmal kreuzen sich die beiden, oft gehen sie parallel nebeneinander her. Kurios ein aus Holz gezimmerter Strandkorb am Weg.

Ein Strandkorb aus Alpenholz steht an der Route in Bargis

Ich wandere die Wanderwege einmal durch, das sind gut 3 km, die in einer Stunde locker zu schaffen sind. Die Einkehr schenke ich mir und gehe zu Fuß hinunter nach Fidaz.

Der Weg nach Fidaz geht durch den Wald schnurstracks hinunter. Sportliche Langläufer kommen mir mit ihren Langlaufski auf dem Rücken entgegen. Hut ab. In Fidaz biege ich ab nach Scheia. Es geht vorbei am Pinut, das ist eine Felswand am Flimser Stein. Früher, erfahre ich auf einer Infotafel, sind die Bauern zu Fuß diese Wand hinauf gekraxelt, um oben das Land zu bewirtschaften. Der Weg muss mühsam und gefährlich gewesen sein, die Ausbeute war wohl überschaubar: Die Ernte dort oben habe angeblich gereicht, um eine Kuh zu überwintern. 

Ausgebaut und angelegt wurde der Kletterweg von Christian Meiler. Später wurde er nicht mehr benutzt und verfiel. Vor einigen Jahren haben lokale Enthusiasten den Klettersteig wieder hergerichtet da, wo er früher entlang ging, und mit den Materialien und Techniken, die Christian Mailar damals benutzt hat. Angepasst an heutige Sicherheit. Der Steig kann angeblich von Familien und allen benutzt werden, man braucht ein bisschen Kletter-Ausrüstung, die man in den lokalen Geschäften bekommt. Auf Fotos sehe ich, wie Familie mit ihrem Kind den Klettersteig nehmen, alle angeseilt an einem Seil. Nichts für mich. Aber wer es mag: sicher ein geniales Erlebnis. Oben auf dem Fels wäre ich schon gerne einmal.

Der Pinut ruft: Wer möchte, kann ihn auf historischem Kletterpfad erklimmen

Scheia ist ein Örtchen wie aus einer anderen Zeit. Holzhäuser, Stroh unter den Dächern gestapelt, ein uriges Ausflugsrestaurant. Einige enttäuschte Wanderer, weil das Restaurant heute geschlossen ist. 

Von Scheia geht es weiter den Panoramaweg entlang oberhalb von Flims, in der Sonne und mit Blick aufs Dorf. Irgendwann biege ich ab, gehe ins Dorf hinunter und ins Apartment.

Strecke rund 10 km, rund 3 Stunden Gehzeit plus Pausen.

https://www.komoot.de/tour/688881266?ref=wtd

Abends sind wir im Restaurant Epoca im Hotel Waldhaus Flims. Das Hotel Waldhaus ist ein Fünf-Sterne-Hotel aus dem Ende des 19. Jahrhunderts. 1970 komplett renoviert. Es ruht in einer Parkanlage mit riesigem Haupthaus und zwei Nebenhäusern. Das Essen ist im Epoca top. Ich wähle das vegetarische Menü, meine Begleiter das andere, wir haben je 6 Gänge. Ein Highlight jagt das nächste. Der Spaß kostet – aber es ist ein besonderer Abend.  So besonders, dass ich auf google maps 5 Sterne gebe.

Selbst die Kleinigkeiten zum Kaffee sind ein Kunstwerk. Restaurant Epoca

Tag drei: Zur Rheinschlucht

Nach dem gestrigen Abend gehen wir es heute langsam an. Trotzdem steht ein Highlight auf dem Plan: Die Rheinschlucht. 

Los geht’s am Parkplatz Waldhaus. Die Kulisse dort wäre perfekt für einen Film aus alten Zeiten, so um die frühere Jahrhundertwende. Es geht durch den Wald einen bequemen breiten Wanderweg entlang zum Caumer See. Wir wandern oberhalb vom See und blicken hinunter. Man kann auch einen Lift hinunter zum See nehmen. Von oben sieht es aus, als würden zwei Leute unten baden, und zwar nicht nur hinein und schnell wieder heraus wie Eistaucher, sondern genüsslich planschen. Nackt. Gut, wer es mag. 

Wir gehen lieber weiter, Richtung Conn und Rheinschlucht. Der Weg zieht sich weiter durch den Wald auf bequemen Wanderweg. Es geht immer leicht hinab. Und ich denke, oh, das müssen wir alles auch wieder hinauf gehen. Nach einigen Kurven und Biegungen erahnen wir die Rheinschlucht. Tatsächlich: eine Bank mit Ausblick hinunter in die Schlucht. Es geht weiter am Rand der Schlucht entlang, eine winzige Spur von Grand Canyon Feeling kommt vielleicht auf, aber so hoch ist es dann auch nicht. Imposant trotzdem. Vorbei am Restaurant Conn geht’s zur Aussichtsplattform “Il Spir”, auf deutsch Mauersegler. Entworfen von einer Architektin, 2018 eingeweiht, als der Bundesrat hier getagt hat. Die Plattform ist wirklich sehenswert. Wir stehen quasi in der Luft über der Schlucht. Grandioser Ausblick. Auch für nicht Schwindelfreie wie mich ist das gut erträglich. 

Direkt über der Rheinschlucht schweben wir auf der Aussichtsplattform. Wenig Wasser führt der Rhein hier – Anwohner sagen, viel weniger als noch vor Jahren

Zurück nehmen wir den gleichen Weg, vorbei am Restaurant Conn. Das Restaurant hat einen sehr guten Ruf, unsere Mägen knurren und wir kehren ein. 12:00 Uhr mittags, und die Terrasse füllt sich schlagartig in der Sonne. Schnitzel, Salat und Suppe, alles gut, freundliche Bedienung, Einkehr top.

Der Rückweg ist schnell erledigt, auch wenn es jetzt stetig aufwärts geht. Plötzlich sind wir schon wieder am Caumer See, die nackten Badenden sind weg. Weiter und zurück zum Parkplatz Waldhaus.

Knapp 2 Stunden Gehzeit, 1 Stunde Einkehr, 6 bis 7 km. 

Tag 4: Ins Skigebiet.

Am vierten Tag geht’s hinauf ins Skigebiet. Erster Zwischenstopp Runcahöhe, dann weiter zur Foppa Alm. Bin überrascht, wie schnell ich oben bin. Entscheide spontan, weiter nach Startgels zu gehen. Anderthalb Stunden schätze ich, nach einer Stunde bin ich da. Ich bin dann auch mitten im Skigebiet. Wenig Bäume, unverstellter Blick auf Schneehänge und Pisten, immer wieder kreuze ich Pisten. In Startgels die Gondelstation, das Restaurant und Skifahrer.

Im Skigebiet heißt es: Rücksicht aufeinander nehmen

Von dort gehe ich hinunter. Es geht steil zwischen Bäumen herunter, an mir ziehen zwei Schlittenfahrerinnen im Affenzahn vorbei. Bald kreuze ich wieder eine Piste und bin an der Runcahöhe. Ausblick auf die Hänge und ins Tal. Es wird waldiger. Vorbei geht’s ständig an Holzhütten. Aus einigen quillt Rauch, vor einigen liegen Urlauber in der Sonne.

Kurz nach der Runcahöhe bin ich wieder weit weg vom Skigebiet. Zwei Kurven, eine beschneite Wiese, ein Hang, Bäume und Hütten. An der Hütte steigt Rauch auf, es riecht nach Katenschinken. Ich bekomme Hunger.

Im Hintergrund Vogelgezwitscher, von weit her Stimmen und noch weiter die Gondel. Hier, eine Dreiviertelstunde oberhalb von Flims, möchte ich sitzen bleiben. Meine Füße melden sich, sie sind platt.

Diese Tour ging eigentlich nur rauf und wieder runter. Zwischendurch einmal über eine Alm ein bisschen geradeaus, ansonsten pures Training für die Oberschenkelmuskel. Nicht schlecht. Eine Sauna wäre gut für meine Knochen. Eine heiße Dusche tut’s auch.

Tag fünf: Ungeplante Abreise

Dieser Tag verläuft anders als geplant. Einer unserer Skifahrer hat sich das Kreuzband gerissen. Wir fahren nach hause. 

Fazit

Das Winterwandern in Flims war eine gute Idee. Unzählige Routen, bestens beschildert, manchmal fast zu gut ausgebaut und planiert. Alles in spektakulärer Landschaft zwischen Wäldern, Schluchten und Berggipfeln. Rau ist es hier; ich stelle mir vor, dass das Leben vor einiger Zeit hart gewesen sein kann.

Das Skifahren jedenfalls habe ich keine Sekunde vermisst. Jenseits der Pisten ist es oft friedlich und menschenleer. Wen ich treffe, der ist entspannt unterwegs. Ein Plausch, wer mag – und dann geht es weiter. Auch landschaftlich ist es abseits der Pisten am schönsten.

Unserem Kniepatienten geht es übrigens besser. Vom Skifahren hat er sich aber verabschiedet. In der nächsten Saison werde ich wohl Gesellschaft beim Wandern haben.

Alle Fotos: cc-by Hilge Kohler

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